Die Kulturrevolution: Was wirklich geschah
Die Große Proletarische Kulturrevolution (无产阶级文化大革命, Wúchǎn Jiējí Wénhuà Dà Gémìng) dauerte von 1966 bis 1976. In diesen zehn Jahren zerfiel China.
Das offizielle Urteil der Kommunistischen Partei Chinas, das 1981 veröffentlicht wurde, bezeichnet sie als "den schlimmsten Rückschlag und die schwersten Verluste, die die Partei, das Land und das Volk seit der Gründung der Volksrepublik erlitten haben." Das ist die Einschätzung der Partei – und sie ist eine Untertreibung.
Was während der Kulturrevolution geschah, ist unter Historikern nicht umstritten. Die Fakten sind gut dokumentiert, sowohl durch chinesische als auch durch ausländische Quellen. Umstritten bleibt die Bedeutung – wie man ein so umfassendes, so chaotisches und so zerstörerisches Ereignis verstehen kann, das sich einer einfachen Erklärung entzieht.
Der Hintergrund
Bis 1966 war Mao Zedong (毛泽东, Máo Zédōng) in einer gefährdeten Position. Der Große Sprung nach vorn (大跃进, Dà Yuè Jìn, 1958-1962) – seine Kampagne zur raschen Industrialisierung Chinas – endete in einer Katastrophe. Die daraus resultierende Hungersnot tötete schätzungsweise 15-45 Millionen Menschen (die genaue Zahl bleibt umstritten). Mao war innerhalb der Parteiführung an den Rand gedrängt worden, praktisch ersetzt durch Liu Shaoqi (刘少奇) und Deng Xiaoping (邓小平).
Mao wollte die Macht zurück. Er glaubte auch aufrichtig, dass die chinesische Revolution verraten wurde – dass die Partei bürokratisch, elitär und vom Volk entfremdet geworden war. Ob seine Motivation primär politisch (Macht zurückgewinnen) oder ideologisch (die Revolution reinigen) war, ist eine Frage, über die Historiker bis heute streiten. Die Antwort ist wahrscheinlich beides.
Der Start
Am 16. Mai 1966 gab das Zentralkomitee der Partei die "Mai-16-Mitteilung" (五一六通知, Wǔ Yī Liù Tōngzhī) heraus, die erklärte, dass "Vertreter des Bürgertums" in die Partei eingedrungen seien und ausgemerzt werden müssten.
Am 18. August 1966 erschien Mao am Tiananmen-Platz vor einer Menge von über einer Million Roten Garden (红卫兵, Hóng Wèi Bīng) – jungen Schülern, die sich in revolutionären Gruppen organisiert hatten. Mao trug ein Armband der Roten Garden und unterstützte symbolisch ihre Bewegung.
Den Roten Garden wurde ein Mandat erteilt: Zerstört die "Vier Alten" (四旧, Sì Jiù):
| Kategorie | Chinesisch | Pinyin | Zielbeispiele | |----------------|-------------|----------------------|-------------------------------------------| | Alte Bräuche | 旧风俗 | jiù fēngsú | Traditionelle Feste, Hochzeitszeremonien | | Alte Kultur | 旧文化 | jiù wénhuà | Klassische Literatur, Oper, Kunst | | Alte Gewohnheiten | 旧习惯 | jiù xíguàn | Religiöse Praktiken, traditionelle Medizin | | Alte Ideen | 旧思想 | jiù sīxiǎng | Konfuzianismus, Buddhismus, jede nicht-maoistische Idee |Die Kampagne gegen die Vier Alten war verheerend. Rote Garden plünderten Tempel, verbrannten Bücher, zertrümmerten Antiquitäten und zerstörten historische Stätten. Der Konfuzius-Tempel in Qufu (曲阜) – das Ahnenheim von Konfuzius – wurde verwüstet. Das Grab von Konfuzius wurde ausgehoben. Tausende antiker Texte, Gemälde und Artefakte wurden in öffentlichen Scheiterhaufen verbrannt.
Die Gewalt
Die Gewalt der Kulturrevolution ereignete sich in Wellen.